Startseite

Bericht über den Workshop "Qualitätssicherung in der Naturheilkunde"

organisiert durch die Europäische Gesellschaft für klassische Naturheilverfahren (ESCNM) in Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut für Balneologie und Kurortwissenschaft (FBK), Bad Elster, vom 14. - 15. Februar 1998

Gastgeber war Priv.-Doz. Dr. med. K.-L. Resch, Direktor des FBK.

Am Samstag, den 14.02.98, wurde nach der Begrüßungs- und Vorstellungsrunde das Thema durch Dr. med. T. Brockow vom FBK eingeläutet durch einen Vortrag mit dem Titel "Qualitätssicherung im Gesundheitswesen". Die allgemeine Haltung von heute ist, daß das Qualitätsmanagement sich von wissenschaftlicher Forschung unterscheidet. Letztere bleibt nach wie vor zentriert auf die randomisiert-kontrollierte Studie, obwohl sich für die Naturheilkunde andere Formen der Forschung profilieren und weiterentwickelt werden müssen.

In puncto Qualitätsmanagement erkennt man allgemein drei Bereiche: Struktur-Qualität, Process-Qualität und Ergebnis-Qualität. Dr. Brockow spannte einen Bogen über die verschiedenen Aspekte der heutigen Qualitätssicherung und erläuterte verschiedene Begriffe wie "Delphi process", eine Technik, die in Konsensdiskussionen benutzt wird und die in mehreren Etappen verläuft. Zunächst Sammlung von Statements mit Fragebogen, danach Synthese der Fragebogeninhalte und Revision der eigenen Statements mit der Absicht eines Konsensus.

Als weitere Vortragende präsentierte Dr. K.-L. Resch "Qualitätssicherungsstrategien für Morgen: Inter(nationale) Trends im Gesundheitswesen". Hervorgehoben wurde der Aspekt der Therapie-Effizienz versus Kosten ("effectiveness vs cost effectiveness"). Der alte Trend der Forschung, die daraus bestand, eine Wirkung zu dokumentieren, ist heute in der Perspektive der Rentabilität betroffen: Eine effektive Methode bringt oft Nebenwirkungen, die die Kosten hochtreiben und die gesamte Effizienz der Maßnahme doch relativieren. Heute legt man großen Wert auf Lebensqualitätsverbesserung durch medizinische Maßnahmen, die nicht immer gleichzusetzen sind mit einer kurativen Wirkung. Dr. Resch erwähnte den in 1993 erschienenen Artikel von Eisenberg: "Unconvential Medicine in the United States". Er sieht in der Zukunft, daß die purchasers of health care, z.B. die Krankenkassen, nach Programmen suchen werden, die folgende Kriterien erfüllen: niedrige Kosten, Patientenzufriedenheit, gute Ergebnisse, gute Qualität und Zugänglichkeit. Dafür werden mehrere Verfahren zur Beurteilung dieser Kriterien herangezogen, angefangen mit klinisch kontrollierten Studien (RCT = randomised controlled trial) bis hin zu neuen Qualitätskontrollmethoden.

  Als weiterer Referent sprach Prof. Dr. W.H. Jäckel aus Bad Säckingen, Leiter des Hochrheininstituts für Rehabilitationsforschung e.V. zum Thema "Qualitätssicherung in der Rehabilitation: Was erwartet uns?" Er stellte zunächst fest, daß die Reha-Anträge allgemein um ca. 30 % zurückgegangen sind. Ein Trend macht sich bemerkbar in Richtung ambulante Reha, obwohl dies bis heute noch geringe Ausmaße hat. Für die einzelnen Reha-Zentren ist es immer schwieriger, Qualitätssicherungsmaßnahmen einzuführen, da auf verminderte Mitarbeiterzahlen die zusätzliche Arbeit für Qualitätssicherung oft als Belästigung empfunden wird. Er machte aufmerksam auf eine neu entstandene, heutige Terminologie wie Qualitätssicherung - Management - Kontrolle, TQM (total quality management), CQI - continuous quality improvement.

Allgemein dienen diese Verfahren zur Organisation der moderen Medizin, die zur Zeit eine Revolution erfährt mit einer riesigen Expansionstendenz bei gleichzeitiger Schrumpfung der Kostenübernahme. Wichtig ist, die therapeutischen Ziele zu erreichen, ohne die knapp werdenden Finanzresourcen zu verschwenden und bei bester Sicherheit.

Im Reha-Bereich gilt das Qualitätsmanagement zur Akquisition von Verträgen mit Kostenträgern.

Prof. Dr. Jäckel hat mehr als 50.000 Reha-Bögen untersucht mit ein von ihm entwickeltes Meßinstrument (IRES). Diese Qualitätssicherungsmethoden geben einerseits eine Legitimation gegenüber den Krankenkassen, aber andererseits auch intern eine Chance, an dem eigenen Konzept weiterzuentwickeln.

Dr. D. Melchart vom Münchner Modell berichtete als nächster Referent über "Die aktuelle Situation der Qualitätssicherung in der Naturheilkunde". Dr. Melchart machte das Publikum aufmerksam auf verschiedene Trends im "Dienstleistungsbereich Medizin": Der Patient ist zunehmend emanzipiert und informiert und wird ein wichtiger Entscheidungsträger sein, besonders bei chronischen Erkrankungen.
Der Reha-Sektor muß sich bemühen, Weiterbehandlungskonzepte im Sinne eines Etappen-Heilverfahrens vorzuschlagen, daß die Betreuung nahtlos weitergehen kann.
Die Naturheilverfahren hat hinzu ganz besondere Charakteristiken, die man bei Qualitätssicherung betrachten müßte: Sie behandelt hauptsächlich chronische Erkrankungen und funktionelle Störungen, sie bietet oft synergisch mehrere Verfahren und ist fachübergreifend. So muß das Gesamtergebnis im Vordergrund der Betrachtung stehen. Dr. Melchart betont die Bedeutung von eigenen Richtlinien für die Naturheilkunde, z.B. daß sie nicht in die Ecke der Fachstrukturen gestellt wird, wo für jede Erkrankung ein Fachspezialist vorhanden ist. Er betont die Notwendigkeit, Versorgungsnetze anzubieten zur Erhaltung der eigenen Gesundheit, wo der Patient eine aktive Rolle spielen würde.

Dr. P. Bachmann aus Hindelang berichtete über "Erfahrungen mit einem Qualitätssicherungsmodell in einer peripheren naturheilkundlichen Klinik". Dr. Bachmann berichtete, wie die ersten Schritte der Qualitätssicherung in einer naturheilkundlichen Klinik vor 10 Jahren schon angefangen wurde, zunächst in Anlehnung an pharmakologische Studien mit Phytotherapie, und dann zusammen mit Prof. R. Saller ein Gesamtqualitätssicherungsinstrument entwickelte, das den Synergieeffekt von kombinierten Naturheilverfahren berücksichtigte.

Anschließend präsentierte das Qualitätsmanagement-Team der Klinik Am Brunnenberg in Bad Elster den Vortrag "Qualitätssicherung aus der Sicht einer Reha-Klinik im Kurort". Diese Klinik hat sich mit zwei verschiedenen Programmen beschäftigt, zunächst dem DIN EN ISO 9000 ff, ein für die Industrie entwickeltes Qualitätssicherungsverfahren, das für die Medizin adaptiert wurde, und dem Programm "Gesundheitskliniken 2000" von WHO, die in Ottawa in 1996 entstanden ist und in den letzten 10 Jahren Richtlinien für "Health Promoting Hospitals" entworfen hat.

Am Sonntag, den 15.02.97, lud Dr. K.-L. Resch in das Forschungsinstitut für Balneologie ein. Ein mehrstündiges, fruchtbares Rundtischgespräch konnte stattfinden, und als Folge dessen wurde eine Arbeitsgemeinschaft "Fachkliniken für klassische Naturheilverfahren" gegründet mit der ersten Aufgabe der Erarbeitung von Leitlinien für die Struktur von naturheilkundlichen Kliniken. Hinzu wurde das Projekt "Ergebnisdokumentation in der Fastentherapie" ins Leben gerufen.